rímur Gesänge

In Iceland “it`s normal to be a musician or to be involved in music.” As well Reykjavík portrays „a crossroad of world culture.”
Island ist reich an Geschichten und Sagen, welche in Form von rímur Gesängen Eingang in die Musik gefunden haben.

Wie ist ein rímur eigentlich aufgebaut?

Rímur „[…] creates a continuity between the past and the present. “
Der rímur Gesang ist die isländische Verkörperung einer europäischen Ballade und bewahrt eine alte isländische Tradition.
Eine rímur Komposition setzt sich aus einem Gedicht und einer Melodie zusammen und beinhaltet die in Island beliebte Tradition des Erzählens von Geschichten und Sagen. Diese spezielle Komposition, welche sich aus Wiedererzählungen in unterschiedlichen Reimformen zusammensetzt, dient der sozialen und gesellschaftlichen Unterhaltung, denn schon im Kindesalter werden die Isländer an diese Tradition herangeführt. So können viele von ihnen unterschiedliche rímur auswendig präsentieren.
Die rímur Gesänge folgen festen Reimschemen, unterschiedlichen Versformen und diversen Stilmitteln. Zudem besitzt jeder einzelne Teil eines rímur Gesangs ein eigenes Metrum, wobei jedes Metrum wiederum eine eigene Melodie besitzt. Die Hälfte dieser Melodien stammt aus Húnavatnssýslur, einer Stadt im Nordwesten Islands.
Ein rímur, auch rímur-cycle genannt, besteht aus mehreren ríma. Ein ríma wiederum besteht aus 20 bis 100 Strophen und beinhaltet keinen Refrain. Deshalb kommt es nicht selten vor, dass ein langer rímur bis zu zwei Abende dauern kann, ehe der Vortragende zum Ende kommt.
Jedes ríma fängt außerdem mit einem sogenannten „Mansöngur“ an. Dabei handelt es sich um ein Huldigungslied an die Frauen Islands, in welchem sich der Komponist bei den Frauen dafür entschuldigt, dass sein Gesang „so schlecht ist“ und verpackt diese Entschuldigung gleichwohl in ein „Liebesgedicht“. Anschließend beginnt er mit seinem Vortrag.
Bezüglich der rímur Inhalte werden Teile isländischer Sagen hin zu langen Balladen verwandelt. Die ersten rímur Dichtungen waren Gedichte, welche auf der Bibel basierten. Anschließend folgten Geschichten über Geschehnisse, welche vor der Besiedlungszeit Islands stattfanden und Sagen, die ein Großteil der isländischen Bevölkerung kannte. Oft werden auch Geschichten nacherzählt, welche im Vorfeld bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt haben.
Besonders häufig werden in den rímur Gesängen die Themen „Helden“, „Könige“, „Prinzessinnen“, „der Kampf mit Dämonen“, „Geister“, „Drachen“ und weitere Figuren aus der Fabelwelt thematisiert.
Die abschließende Präsentationsform eines rímur bezeichnet man hauptsächlich als Rímnalög. Dabei singt der Sänger, auch „kvæðamenn“ genannt, auf eine spezielle Art den rímur. Diese Intonierungsform wird als Kveðnar bezeichnet.
Zur Bewahrung der rímur Tradition hat Bjarni Þorsteinsson 1906 seine Sammlung an rímur Gesängen in einem Buch zusammengefasst. Im ersten Teil dieses Buches stellt er alle aus Handschriften stammenden Lieder zusammen. Im zweiten Teil folgen die Melodien aus gedruckten Büchern und im dritten Teil stellt er schließlich alle Lieder aus mündlichen Überlieferungen dar. Dieser Teil gilt auch als der Wichtigste und ist mitverantwortlich dafür, dass dieses Buch bis heute als „Bibel für isländische Volkslieder“ gilt.

Wie haben sich die rímur Gesänge über die Zeit entwickelt?

Traditionell werden isländische rímur Gesänge abends von den Müttern aus dem Gedächtnis erzählt.
Eine alternative Möglichkeit, diese Tradition weiter zu geben, besteht in verschiedenen rímur Sängern, welche früher von Farm zu Farm gereist sind und dort dem Farmer und seiner Familie jeden Abend einen rímur präsentiert haben. Dieser wurde im Baðstofa, dem Wohn- und Essbereich des Farmhauses vorgetragen, während der Sänger unter der meist einzigen Lichtquelle im Haus gesessen hat und den rímur auswendig oder aus einem Buch vorgetragen hat. Dabei konnte ein Abschnitt dieses rímur-cycle den gesamten Abend dauern. Während die Farmbewohner beim Zuhören verschiedenen Tätigkeiten wie dem Stricken, dem Spinnen und dem Putzen der Schuhe nachgingen, wurde der nächste rímur Abschnitt am folgenden und darauffolgenden Abend vorgetragen.
Das gemeinsame Singen bezeichnet eine zusätzliche traditionelle Handlung in Island. Besonders in den isländischen Chören finden sich viele traditionelle isländische Lieder und auch in den Schulen werden, die vom restlichen skandinavischen Raum isolierten, traditionellen Gesänge aufgeschrieben. Obwohl die Schulkinder dies meist „hassen“ und schnell das Interesse an dieser Art von Musik verlieren, wird sie weiterhin gelernt und unterrichtet. Durch das gemeinsame Singen werden die rímur Gesänge durch die Generationen getragen.
Geschichtlich zählt die traditionelle Musik Islands zu den isländischen Volksweisen (Þjóðlög) und ist im Mittelalter verwurzelt. Der älteste bekannte ríma befindet sich in einem handgeschriebenen Manuskript aus dem Jahr 1390. Dieses findet im frühen 14. Jahrhundert seinen Weg von England nach Island.
Die seit 700 Jahren gesungene rímur Tradition beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts auszusterben. Einen Hauptgrund hierfür stellen die Menschen dar, welche vom Land nach Reykjavík in die Stadt ziehen und sich dadurch nicht mehr für die seit über 100 Jahren ungebrochene Tradition interessieren. Sie entwickeln eine Tendenz zu romantischen Liedern und beginnen die Musik der Arbeiter zu hören, welche aus unterschiedlichen Ländern nach Island kommen und ihre eigene Musik mitbringen.
Eine zusätzliche Erklärung für den immer größer werdenden Traditionsverlust, stellen die Texte der rímur Gesänge dar, welche mit der Zeit immer komplizierter werden. So wird beispielsweise das Wort „Schiff“ durch das Synonym „Pferd des Meeres“ ersetzt. Zwar singt die isländischen Sängerin Engel Lund noch eine Weile isländische Volkslieder in unterschiedlichen Ländern und in den 30er Jahren reist der Komponist Jón Leifs durch Island, um Volkslieder zu sammeln, doch mit der Ankunft des Radios und dem daraus folgenden kulturellen Wandel ist die Zeit der rímur Gesänge schließlich ganz vorbei.
In der heutigen Zeit gibt es ebenfalls einige kulturelle Programme, welche ab und zu auch traditionelle Musik präsentieren. Doch das kulturelle Programm des „National Radio“, in welchem auch traditionelle Musik, Hymnen und vieles mehr zu finden war, gibt es in dieser Form nicht mehr.
Ein weiterer Grund für diese Veränderung ist der Interessenverlust an den traditionellen isländischen Instrumenten, dem „langspil“ und der „fiðla“ und die Ankunft der neuen Instrumente in Island. Statt dem Akkordeon, welches die Schiffer früher auf den lokalen Bällen spielten, kommt 1900 das erste Schlagzeug mit der Dance-Musik nach Island. In den nächsten Jahren folgen weitere Instrumente, bis hin zur elektronischen Gitarre. Das Resultat aus diesem Modernisierungsprozess sind neue Bands und Kompositionen, musikalische Veranstaltungen und die Weiterbildung der Musiker und der Schüler.
Darüber hinaus hören die Menschen zu diesem Zeitpunkt lieber die Musik der isländischen Tanzbands, welche beim sogenannten sveitaball (Tanz auf dem Land) gespielt wurden. Trotz dessen die rímur Gesänge ursprünglich von englischen und schottischen Balladen abstammen und zu Beginn zum Tanz verwendet wurden, hören die Menschen in Island nach und nach auf, rímur Gesänge zu eben diesem Zweck zu verwenden.
Nicht zuletzt wegen dem geringen Interesse der Isländer, gegenüber ihrer traditionellen Musik, werden die rímur Gesänge nicht mehr aktiv aufgeführt. Neben dem Fehlen einer aktiven traditionellen Musikszene, hat sich in Island außerdem nie ein fester Begriff für die „Volksmusik“ herausgebildet.

Wie werden die rímur Gesänge erhalten?

Zur Erhaltung und zum Schutz von rímur Gesängen wurde im Jahr 1929 die „Iðunn Society of Intoners and Versifiers (Kvæðamannafélagið Iðunn)“ in Islands Hauptstadt gegründet. Sie entstand als „Cultural home“ der Menschen, welche aus ländlichen Regionen nach Reykjavík kamen, um dort zu arbeiten. Im Jahr 1935 nimmt die „Iðunn Society“ 200 rímur Gesänge auf, um diese erhalten zu können. Unter der Leitung des Vorsitzenden Steindór Andersen, erscheint im Jahr 2004 eine überarbeitete Version des dazugehörigen Buches.
Eine weitere Institution, welche sich auch heute für den Erhalt der rímur Tradition einsetzt, ist das Volksmusikzentrum in Siglufjörður, welches die Entwicklung der isländischen Volksmusik untersucht. Im Jahr 2000 wird das Volksmusikfestival in Siglufjörður gegründet, welches die traditionelle isländische Musik in den öffentlichen Mittelpunkt rückt, so dass sich kein Mensch mehr dafür schämen muss, diese zu hören. Hier tritt unter anderem die Band „Sigur Rós“ auf, welche Ende des 20. Jahrhunderts in einer Kooperation mit Steindór Andersen rímur Gesänge mit populärer Musik verbindet.
Ein weiterer Sammelpunkt für rímur Gesänge sind die isländischen Schulen, welche ihren Schülern die traditionellen Volkslieder zu vermitteln versuchen. Obwohl diese oftmals kein Interesse für diese Thematik zeigen, so hilft dieses Engagement dennoch, die rímur Gesänge vor dem Vergessen zu bewahren.

Björk, Sigur Rós und weitere traditionelle Musiker

Trotz der große Kluft, welche sich zwischen der traditionellen und der populären Musik befindet, gibt es doch einige Musiker, welche es gewagt haben, diese zu überwinden: mit Erfolg.
Die erste Musikerin, welche einen Schritt in diese Richtung gewagt hat, ist die Sängerin Björk. Denn ihre Musik ist sehr nah an die Natur gebunden. So bezeichnet sie sich beispielsweise bei den Olympischen Spielen im Jahr 2004 selbst, als „Mother Oceania“. Bereits in jungen Jahren nimmt sie ihr Album „Björk“ auf, welches inhaltlich einige isländische Kinderlieder aufweist und einen direkten Gegensatz zu ihrem späteren „anarcho-punk“ Stil aufzeigt. Einige Jahre später performt sie gemeinsam mit Tappi Tíkarrass, unter anderem die Lieder „Dúkkulísur“ und „Hrollur“ für den Dokumentarfilm „Rokk í Reykjavík“. Diese Lieder sind zwar in der isländischen Sprache gesungen, haben allerdings keine traditionellen Annäherungen mehr vorzuweisen, sondern gehen stark in den Bereich Punk-Rock.
Im weiteren Verlauf ihrer Karriere entfernt sich Björk immer weiter von ihren musikalischen Wurzeln und wird zum Symbol der isländischen Punk-Bewegung. Trotz dieser Verwandlung veröffentlicht sie allerdings immer wieder vereinzelt einige Lieder, welche durch den Einbezug der isländischen Natur und rein vokalen Gesängen, ihre Heimatverbundenheit darlegen sollen.
Auch die Musik der Band „Sigur Rós“ hat eine besondere Stellung bezüglich der Bildung von Erinnerungen. In ihren Liedern stellt die Band die isländische Natur nicht nur musikalisch, sondern außerdem durch verschiedene Soundeffekte und ausgewählte bildliche Darstellungen dar. So wird ihre, im nationalen Mythos verwurzelte Musik, nicht selten mit Begriffen aus der Natur, wie „glacial“, beschrieben. Eine weitere Besonderheit der isländischen Band ist die Sprache, in der die Musiker ihre Lieder performen: neben der isländischen Sprache benutzen sie auch des Öfteren eine erfundene Sprache namens „Hopelandic“.
Im Jahr 2001 hat die Band erste Berührungspunkte mit einem rímur Gesang: auf ihrer Frühlingstour führen sie erstmals einen rímur des Komponisten Steindór Andersen auf. Dies bleibt jedoch nicht die einzige Kooperation zwischen dem Komponisten und der Band. Eine weitere gemeinsame Performance findet beim Band-Kontest „Músíktilraunir“ statt. Im Jahr 2007 geben „Sigur Rós“ am Ende ihrer internationalen Tournee kostenfreie Konzerte in der Natur Islands. Diese Konzerte stellen eine Art „Dankeschön“ an ihre Heimat dar. Aus diesem Grund nimmt die Band einige rímur Gesänge in ihr Repertoire mit auf. Den daraus entstandenen Dokumentationsfilm nennen sie „Heíma“, was übersetzt „die Rückkehr nach Hause“ oder „Heimat“ bedeutet. In diesem legen sie ihre Sehnsucht nach einem einfachen Leben in einer ländlichen Umgebung dar. Innerhalb des Filmes ist eine rímur Performance der Band gemeinsam mit Steindór Andersen zu finden. Dabei ist besonders auffällig, dass das Publikum diese Kooperation soweit ersichtlich sogar befürwortet, eben weil diese Gesänge einen Teil ihrer Tradition widerspiegeln. Des Weiteren findet sich im Verlauf des Filmes ein gemeinsamer Auftritt von „Sigur Rós“ mit der Band „Amiina“, einem Chor und einem Symphonieorchester: gemeinsam wird der 800 Jahre alte rímur „Hrafnagaldur“ (Odin’s Raven) aufgeführt. Dabei tritt besonders der Versuch in den Vordergrund so viele Naturgeräusche, wie für das Lied passend sind, instrumental und vokal darzustellen. Außerdem werden die rímur Gesänge deutlich in den Vordergrund gehoben, während die Instrumente sich sehr im Hintergrund halten.
Nach diesen Konzerten hört die Kooperation mit Steindór Andersen nicht auf: gemeinsam mit ihm nimmt „Sigur Rós“ die rímur Kompositionen „Kem Ég Enn Af Kóldum Heiðum“, „Fjöll í Austri Fagburblá“ und „Hugann Seiða Svalli Frá“ für Steindórs neues Album auf. Mit einer zurückhaltenden und ruhigen instrumentellen Begleitung stehen bei diesen Kompositionen die rímur Gesänge im Vordergrund. Die Instrumente erzeugen durch die vielen dunklen Töne, welche zumeist lang gehalten werden, eine sehr düstere und zum Nachdenken anregende Atmosphäre. Nur wenn der Gesang pausiert treten sie in den Vordergrund. Weiterhin versuchen die Band und der Komponist die bereits erwähnte Nostalgie mit in ihre Werke zu integrieren. Dieser Effekt verstärkt sich unter anderem durch das künstlich erzeugte Echo, welches Steindórs Gesang untermalt.
Steindór Andersen selbst führt auch in anderen Zusammenhängen die traditionellen rímur Gesänge auf. So hat er beispielsweise das Intro zum Film „Rokk í Reykjavík“ mit einem rímur Gesangsbeispiel über 40 Sekunden übernommen. In seinem eigenen Album hat er außerdem eine Kooperation mit Sigurður Sigurðarson gestartet, bei der er mit ihm den rímur „Lækurinn“ aufgenommen hat. Diesmal handelt es sich im Gegensatz zu den Kooperationen mit „Sigur Rós“ um eine rein vokale Aufnahme, bei der die beiden Musiker den rímur zweistimmig singen. Die Melodie wird dabei nur durch die beiden Stimmen erzeugt. Schließlich hat Steindór Andersen für die „Iðunn Society“ mehrere rímur aufgenommen, beispielsweise „Það er vandi að sjá sing“ von Bjarni Gíslason und „Fjöll í austri fagurblá“ von Sveinbjörn Beinteinsson. Diese sind später auf der DVD „Raddir ìslands. Íslensk Þjóðlög og Þjóðdansar“ veröffentlicht worden, um den Menschen die traditionellen Gesänge Islands wieder näher zu bringen. Zu diesem Zweck singt Steindór Andersen die rímur Gesänge allein und vokal, damit der Zuhörer einen besseren Eindruck davon bekommen kann, wie sich die rímur früher in den Farmhäusern angehört haben.
Ein weiteres Beispiel für eine durch rímur Gesänge beeinflusste Band, ist die Metal Band „Skálmöld“, welche in ihren Kompositionen viel mit traditionellen Elementen arbeiten und einige Kooperationen, beispielsweise mit dem isländischen Symphonieorchester vorweisen können. Auch die Texte ihrer Kompositionen zeigen nicht selten ihre Verbundenheit zu ihrer „Heíma“.
Weiterhin hat die folk-Rock Band „Þursaflokkurín“, aus welcher später die Band „Stöðmenn“ entstanden ist, einen traditionellen Einfluss in ihren Liedern. So singen sie einige isländische Volkslieder, ummanteln diese allerdings mit einem sehr rockigen Musikstil. Zusätzlich finden sich in einigen ihrer Kompositionen das isländische Harmonium sowie das Akkordeon wieder.
Trotz dessen diese Kooperationen zwischen der traditionellen Musik und der populären Musik besonders in den 80er und 90er Jahren zu finden sind, so handelt es sich doch lediglich um einige wenige Ausnahmen. Denn die „Kluft“ zwischen den Musikstilen ist hat sich bis heute nicht verändert.

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